MennonitischerWeltgemeinschaftssonntag 2026 Predigt

Wer teilt, hat mehr

Micha 6,8 u.a.

Ich stehe in der Frühsommersonne auf dem Erdbeerfeld der Familie Loosli auf dem Moron im Jura und duch kämme die kleinen Stauden nachden reifsten und feinsten Erdbeeren.

Was mir durch den Kopf geht an diesemschönen Junimorgen, ist das Motto desFrauenwochenendes im Oktober: «Wer teilt, hatmehr.»

Der Anstoss dazu kommt aus dem Just PeopleKurs von Stop Armut. Micha 6,8 ist der Vers, derauf die Frage antwortet, ob die treuen Gläubigenihre Kinder opfern sollen, um Gottes Zorn zu besänftigen.

«Der HERR hat dich wissen lassen, Mensch,was gut ist und was er von dir erwartet: Haltedich an das Recht, sei menschlich zu deinenMitmenschen und lebe in steter Verbindungmit deinem Gott!» (GN)

Wir atmen tief durch. Gott hat in seinen Geboten jabereits festgehalten, worauf es ankommt. Dem istnichts hinzuzufügen.

Die Aufgabe, die sich nun stellt, ist das Motto des Frauenwochenendes «wer teilt, hat mehr» mit dem Schlüsselvers Micha 6, 8 zusammen zubringen.

Dieses Motto fordert uns heraus, nicht nur durchdas, was es behauptet, sondern weil es eigentlichwidersprüchlich ist: Ein Teil ist doch eigentlichweniger und nicht mehr von etwas! Weniger istweniger, weniger ist nicht mehr.

Wenn etwas paradox und scheinbar unsinnig ist,kann es auf einen höheren Sinn hinweisen.

Was könnte dieser Sinn sein?

Wenn ich einen Teil von den Erdbeeren, die ich aufdem sonnigen Moron buchstäblich im Schweissemeines Angesichts sammle, mit jemandem teile,verschenke, dann habe ich weniger Erdbeeren, nicht mehr. Denn ein Teil ist weniger als dasGanze. Das haben wir schon festgestellt. Alsokann sich das mehr nicht auf die Erdbeerenbeziehen, aber worauf dann?

Szenenwechsel

Dies ist die Weltkarte, wie wir sie kennen. DieFarben stehen einfach für die verschiedenen Kontinente:

Das ist eine Weltkarte, bei der die natürlichenUmrisse verzerrt sind. Europa, Nordamerika, Teilevon Asien sind aufgebläht, weil sie im Verhältnismehr natürliche Ressourcen verbrauchen. Aber die Welt ist endlich.

Was die einen verbrauchen zur Produktion vonNahrung, für den Wohnraum pro Person, für den Abbau von Bodenschätzen etc., haben anderenicht. Deswegen sind sie geschrumpft.

In dieser Karte sind hingegen sind beispielsweiseAfrika, Indien und Pakistan aufgebläht. Dasist die Karte zur Unterernährung von Kindern.In den aufgeblähten Kontinenten gibt esviel mehr unternährte Kinder, in Europa und Amerika hingegen fast überhaupt keine. Die Ungleichverteilung von Ressourcen ist eine Tatsache.

Mani Matter, der Schweizer Chansonier, hat diesesWissen seiner genial treffenden Art in einemkurzen Gedicht bzw. Lied auf den Punkt gebracht.

«dene wos guet geit
giengs besser
giengs dene besser
wos weniger guet geit
was aber nid geit
ohni dass’s dene
weniger guet geit
wos guet geit
drum geit weni
für dass es dene
besser geit
wos weniger guet geit
und drum geists o
dene nid besserwos guet geit»

Uns in der Schweiz geht es ja wirklich sehr gut.Unsere Schweiz ist eines der reichsten Länderauf der Erde. Die meisten von uns müssen wenigentbehren. Auf der anderen Seite von unseremGlobus arbeiten Menschen hart und unter prekärenBedingungen, – um uns unseren materiellen Wohlstand zu garantieren. Unser Wohlstand hatseinen Preis, aber es sind nicht unbedingt wir, diedafür bezahlen.

Wenn die Güter auf der Welt besser verteilt wären,würde es allen Menschen besser gehen. Doch wiebringen wir uns dazu, unsere Güter zu teilen?

Laut Glücksforschung und World HappinessReport der Vereinten Nationen wäre es eigentlichganz einfach: Der Mensch ist ein soziales Wesenund fürs Teilen gemacht. So steht es jedenfalls dazu lesen.

Wenn wir teilen, macht uns das glücklich. Manvermehrt sein eigenes Glück, indem man das Glück von anderen Menschen vergrössert.Wenn wir also dafür sorgen würden, dass dieUnterernährung im globalen Süden zurückgehtund den Menschen mehr Ressourcen, mehrNahrungsmittel, mehr Bildungsangebote usw.zur Verfügung stehen, wären wir glücklicher. Indem Sinn hat man mehr, wenn man teilt. Man ist glücklicher.

Zurück aufs Erdbeerfeld

Wenn ich also die selbst geernteten Erdbeerenteile, jemandem mitbringe, mache ich jemandenglücklich. Es ist zwar nur ein kleines Glück,aber immerhin ein Glück. Da gibt es dasGenussmoment beim Beschenkten und dieFreude beschenkt zu werden. Und weil ich das jamitkriege, bin ich selber auch glücklicher. Das istdann das mehr.

Das befriedigt irgendwie immer noch nicht.

Da ist sicher viel Wahres dran, aber das isteigentlich eine tugendhafte Einsicht im Sinne deralten Griechen. Doch wir sprechen von einemmennonitischen Frauenwochenende.

Hier noch einmal der Vers Micha 6,8:

«Der HERR hat dich wissen lassen, Mensch,was gut ist und was er von dir erwartet: Haltedich an das Recht, sei menschlich zu deinenMitmenschen und lebe in steter Verbindungmit deinem Gott!» (GN)

Nach Micha kommt es also auf Folgendes an:

a) sich ans Recht zu halten; mancheÜbersetzungen sprechen von Gerechtigkeitüben, recht tun, kein Unrecht zuzulassen
b) menschlich sein zu unseren Mitmenschen.Manche Übersetzungen sprechen von,solidarischem Engagement, von Zuwendunggeben
c) in steter Verbindung mit Gott leben.Manche Übersetzungen lauten «aufmerksammitgehen mit Gott, einsichtig und achtsamsein, in Ehrfurcht leben mit Gott.»

Wer so lebt, dem wird Gott seine Barmherzigkeit schenken.

Das ist ein Text, der den praktischen, den gelebten Glauben im Blick hat. Schauen wir noch etwasnäher hin:

Recht und Gerechtigkeit

Gerade das Thema der Gerechtigkeit zieht sichwie ein roter Faden durch die Bibel. Wir mögenbei Recht und Gerechtigkeit zunächst denken,-jeder und jede bekommt, was er und sie verdient,jeder soll für sein Unrecht seine gerechte Strafebekommen.

Aber Gottes Gerechtigkeit ist nicht primär seinRichten. Gottes Gerechtigkeit ist die Herstellunglebensfreundlicher Verhältnisse, von Beziehungen,die im Lot sind, zwischen Menschen, zwischenGott und Mensch. Da wir Menschen so fehlbareWesen sind, hat Gottes Gerechtigkeit sehr mitseiner Barmherzigkeit zu tun.

Und dies ist eine Gerechtigkeit, die sich nicht nurauf den oder die einzelnen betrifft, – du und ich, ichund Gott -, sondern das Ganze gesellschaftlicheZusammenleben im Blick: Wir denken an dasBeispiel des Sabbatjahres alle sieben Jahrewerden alle Schulden erlassen (3. Mose, 1-7).

Menschlich sein, Solidarität und Zuwendunggeben

Wer in Ländern gereist ist, die nicht das gleicheWohlstandsniveau haben wie wir, weiss wie es sich anfühlt, Gastfreundschaft von Menschen zuerfahren, die nach unseren Massstäben absolutnichts besitzen und doch das Wenige, das sie indem Moment zusammenraffen können, mit ihrenGästen teilen wollen. Das ist tief beeindruckend,manchmal auch beschämend, weil man in demMoment nichts zurückgeben kann.

Aber vielleicht fasst man den Vorsatz, diesemVorbild nachzueifern, halt gegenüber anderenMenschen, halt nicht unter vergleichbarenEntbehrungen, aber immerhin kommt so ein Dominoeffekt zustande.

In steter Verbindung mit Gott leben,aufmerksam mitgehen mit Gott

Das heisst Gott geht voran und wir gehen mit, wirfolgen ihm.

Nicht wir geben vor, wo es hingeht und Gott gehtdann aufmerksam mit uns den von uns gewähltenWeg, sondern Gott schlägt den Weg ein, der wirmit ihm gehen sollen.

Wenn wir nicht aufpassen und uns ablenkenlassen, können wir eine Abzweigung auf dem Wegverpassen und uns plötzlich in einem Gestrüppwiederfinden. «In steter Verbindung mit Gottleben» heisst, ihm am besten wie ein kleines Kinddie Hand geben und sie möglichst nicht loslassenund uns festhalten.

Gut darum geht es also, um solches ging es Michaim Jahr 700 v.Chr.. Geht es darum immer noch,auch heute, auch im Leben mit Jesus?

Auf der Suche nach einem Vers, der die ganzeFrage, worauf es ankommt im Leben mit Gott,ähnlich kernig auf den Punkt bringt wie Micha6,8, und auch noch konkret die Frage des Opfersund des Teilens anspricht, bin ich auf einen Versgegen Ende des Hebräerbriefes gestossen. DerHebräerbrief ist an eine Gemeinde gerichtet, derenerste Begeisterung zu erlahmen scheint. Deshalbmuss sie daran erinnert werden, worauf esankommt. Bei den abschliessenden Ermahnungenin Kapitel 13 lesen wir (13,15):

«Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit undin jeder Lebenslage Dankopfer darbringen;Wir wollen ihn mit unserem Beten und Singenzu ihm bekennen und ihn preisen.»

Und dann folgt der besagte Vers, der die Sache soschön auf den Punkt bringt (13, 16):

«Vergesst nicht, Gutes zu tun und mitanderen zu teilen. Das sind die Opfer, andenen Gott Gefallen hat.»

«Wer teilt, hat mehr» heisst: Gott gefallt es,wenn wir Gutes tun und teilen. So wollen wir am Frauenwochenende das Motto: «Wer teilt, hatmehr» verstehen.

Das Mehr ist die enge Verbindung zu unseremHerrn Jesus, die ungeteilte Aufmerksamkeit, das dankbar danach Fragen, die Ohren spitzen, wasund wie wir teilen sollen, dürfen.

Und wenn wir beten und singen und lauschen,spüren wir: Das Teilen ist ein Bedürfnis, dastief aus unserem Inneren kommt. Es ist dasBedürfnis mit Gott aufmerksam mitzugehenund unsere Kräfte, unsere Ressourcen, unsereGlaubenserfahrungen, einfach alles, was unsausmacht, mit anderen Menschen zu teilen.

—von Mathild Gyger, EvangelischeMennonitengemeinde Schanzli. Predigt am 1.Oktober 2023. (Es gilt das gesprochene Wort.)

Die Samariterin in mir